Kaiser's Tengelmann will kein SAP
Viersener wollen Supermärkte mit Compex-Warenwirtschaftssystem steuern - Walldorfer auf Platz drei - Plus kämpft mit Einführung / Von Björn Weber
LZ|NET. Die Supermarkt-Vertriebslinie der Tengelmann-Gruppe hat ihre mit Spannung erwartete Entscheidung für ein neues Warenwirtschaftssystem getroffen. Das Projekt soll mit der Lösung des kleinen Softwarehauses Compex gemeistert werden, die auch Plus derzeit einführt.
Unter der Leitung von Organisations-Chef Lutz Endrikat hat Kaiser's Tengelmann nach intensiver Evaluierung das System Compex Commerce zur Steuerung der Warenwirtschaft ausgewählt. Der hiesige Marktführer SAP erreichte dabei lediglich den dritten Platz.
Auch die Lösung der CSB-System AG halten die Viersener für besser geeignet als SAP Retail, um die Supermärkte zu bewirtschaften. Das System des Geilenkircher Softwarehaus, mit der Tengelmann ein Fleischwerk steuert, kam auf Platz zwei.
Nicht mehr im Rennen war zum Schluss das System von Retek, das Tengelmanns US-Tochter A & P eingeführt hat.
David gegen Goliath
In der planmäßig nach sieben Monaten abgeschlossenen Evaluierung der Tengelmann Supermarkt-Schiene hat sich "David gegen Goliath" durchgesetzt: Der Oracle-Partner Compex mit Sitz in Heidelberg, zu dessen Kunden auch Rewes Promarkt sowie Auslandstöchter von Penny zählen, beschäftigt insgesamt 64 Mitarbeiter.
Bei SAP arbeiten allein in der Entwicklung der Warenwirtschaft für den Handel über 700 Mitarbeiter - mehr als 1.000 weitere sind in der Beratung und der Unterstützung der SAP Retail-Kunden tätig.
Zahlreiche Berater von Wincor Nixdorf, Plaut, IBM, Accenture und anderen haben erhebliches SAP Retail Know-how aufgebaut, um Handelshäuser bei den komplexen Warenwirtschaftsprojekten zu unterstützen. Das System von Compex ist bei den Implementierungspartnern noch weitgehend unbekannt.
Umstellung des Warennachschubs auf vollautomatische Disposition
Kaiser's Tengelmann möchte offiziell derzeit nichts zu seinem Warenwirtschaftsprojekt sagen. Nach Informationen der Lebensmittel Zeitung wollen die Viersener ihren Warenfluss sowohl zentralseitig als auch die filialseitig mit dem Compex-System steuern. Auch wollen sie den Warennachschub auf vollautomatische Dispostion umstellen.
Nach Auskunft von Beteiligten hatten die Supermarkt-Betreiber bei der Evaluierung ähnlich hohe Erwartungen an die Systeme gestellt wie Karstadt an seine neue Warenwirtschaft.
Eines der wichtigsten Ziele sei auch für Kaiser's Tengelmann, dass zukünftig nur noch Ware zu einer Filiale transportiert wird, die dort auch einen Platz im Regal hat. Dazu braucht es ein enges Zusammenspiel von Planungssystemen wie der Regalplatzoptimierung und dem bestandsführenden Warenwirtschaftssystem.
In Testinstallationen hat sich Kaiser's Tengelmann dann auch das Zusammenspiel der untersuchten Lösungen mit einer Regalplatzsoftware vorführen lassen. Auch die Frage der Performance der Systeme haben die Supermarkt-Betreiber in einem Lasttests intensiv untersucht.
Für SAP schwer nachvollziehbar
Auf die Entscheidung von Kaiser's Tengelmann reagierten Verantwortliche der Walldorfer SAP überrascht. "Das ist für uns schwer nachzuvollziehen", sagt Volker Scheffer.
Der Vertriebsleiter und Director Business Development für den Handel in Deutschland, der früher selbst in verschiedenen Leitungsfunktionen bei Tengelmann beschäftigt war, erklärt auf Nachfrage der LZ, SAP Retail hätte die Anforderungen in den wesentlichen Punkten ohne Probleme gemeistert.
Die Kundenanforderungen wären durch SAP Retail vollständig im Standard abgedeckt worden. Unter anderem durch einen Referenzbesuch beim Schweizer Handelskonzern Migros hätte sich das Tengelmann-Team ein Bild davon machen können, dass SAP die Anforderungen erfüllt. Darüber hinaus wollte Scheffer zu der Tengelmann-Entscheidung keine Stellung nehmen.
Discount-Schiene setzt auf Compex und Wincor Nixdorf
Nach Informationen der LZ bemüht sich Plus seit dem Scheitern der Eigenentwicklung "Disgo", das System von Compex einzuführen. Allerdings nur zur Abbildung des zentralseitigen Warenflusses. Zur Filialsteuerung setzt die Discount-Schiene auf ein dezentrales Warenwirtschaftssystem von Wincor Nixdorf.
Und auch den schwierigen Obst + Gemüse-Bereich steuert Plus nicht mit Compex: Hier nutzt der Mülheimer Discounter die Eigenentwicklung "Euro-Log".
Das ursprüngliche Ziel, die zentrale Warenwirtschaft bis zum Ende dieses Jahres durch Compex abzulösen, hat Plus allerdings nicht erreicht. Nach Auskunft eines Managers des Discounters, der nicht genannt werden möchte, wird der Warenfluss derzeit nach wie vor im Altsystem abgebildet, das weiter parallel zu Compex Commerce betrieben werden müsse.
Derzeit arbeitet der Discounter daran, die Anbindung der zentralen Rechnungsprüfung, den Preisschilddruck und die Datenversorgung der Kassen aus Compex zu realisieren.